Seine Hände hatte sie schon damals geliebt. Ihre Form und vor allem ihre Bewegungen, wenn er sprach. Es waren keine ausladenden, es waren schöne Bewegungen. Und sie hätte ihn stundenlang anschauen können, auch wenn sie diese Zeit gar nicht gehabt hatten. Eigentlich waren es insgesamt nur wenige Tage gewesen. In der Nacht nach ihrem ersten Tanz hatten sie sich geliebt, und sie wäre bereit gewesen, mit ihm zu gehen. Sie wäre bereit gewesen, ihre Familie und ihr gesamtes bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Dazu hätte es gar nicht der Brutalität ihres Vaters bedurft, der sie zusammengeschlagen und anschließend stundenlang an der Heizung festgebunden hatte. Nachdem ihre Mutter sie heimlich befreit und ihr fünfzig Mark aus der schmalen Haushaltskasse zugesteckte hatte, begannen die glücklichsten drei Wochen ihres Lebens. So empfand sie es bis heute.

Sie liebten sich bei jeder Gelegenheit. Und er erzählte ihr von seiner Kindheit, von Schwarz und Weiß, von einem breiten Strand am blauem Ozean. Von seinem Job in einem Gemischtwarenladen und von dem Laden, den er später selbst eröffnen wollte. Wenn er nicht bei ihr war, spuckten die Nachbarn vor ihr, der «Negerhure», aus. In dieser glücklichen Zeit hatte es sie nicht gestört, denn sie hatte mit diesem Ort, mit all diesen Leuten, mit dieser Familie abgeschlossen. Sie hatte auf einen wie ihn gewartet; auf einen, der anders war, den sie lieben konnte und der sie mitnahm, der sie herausholte aus allem, was sie verabscheute.

Sie war das zweite Kind ihrer Eltern; vielleicht auch nur das zweite Kind ihrer Mutter. Die Eltern hatten kurz nach dem Krieg geheiratet, als ihre Mutter mit ihrem Bruder schwanger war, der mit seinen hellblonden Haaren, den blauen Augen und seinem rundlichen Körper zwar dem Vater glich, aber ansonsten das Gegenteil seiner acht Jahre jüngeren Schwester war. Irgendwann hatte der Vater für die nun vierköpfige Familie eine Zwei-Zimmer-Wohnung gefunden, in der sie noch lebten, als die Tochter mit siebzehn Jahren begann, in den Nachtklubs der schwarzen Besatzer tanzen zu gehen. Fast drei Jahrzehnte nach dem Krieg empfand ihr Vater keine Befreiung vom Nazi-Joch. Vielmehr beklagte er sich über die „schwarzen Affen“, mit denen die Amerikaner die Deutschen herabwürdigten, so wie es die Franzosen nach dem ersten Weltkrieg im Rheinland getan hatten.

Ihre Familie kam aus der Arbeiterklasse, die damals keine Arbeitnehmer mit höherstrebenden Ambitionen für ihre Kinder war. Man arbeitete früh, um den Eltern nicht mehr auf der Tasche zu liegen, heiratete schnell, bekam Kinder und traf sich zu den Familienfeiern vollzählig im Schrebergarten bei Bratwurst und Bier. Sie passte nicht hierher. Sie wollte keine Frau wie ihre Mutter werden, und vor allem wollte sie keinen Mann wie ihren Vater heiraten. Schnell hatte sie ein paar kurze Affären mit den Männern, die ihr Vater hasste; in den dunklen Hinterzimmern ihrer Klubs oder in ihren großen Autos. Sie mochte es nicht sonderlich, aber der Sex gefiel ihr. In ihrem eigenen Viertel ging es auch nicht gerade romantisch zu. Und außerdem dachte sie, dass es bei ihnen eben so sei.

Die Männer hatten ihre Mädchen, und sie war eines dieser Mädchen, die nicht so waren wie die Mädchen aus ihrem Viertel. Mutiger, denn sie hatten eine verbotene Grenze überschritten. Besonders mochte sie ihre Musik und ihre Art zu tanzen. Diese Nächte, in denen alles anders war als in ihrem sonstigen Leben, glichen einer vorgelagerten Flucht. Am liebsten wäre sie dortgeblieben. Was natürlich unmöglich war. Erst als er ihre Hand ergriff und auf der Tanzfläche eng an sich zog, begann sie, an ihren Wunsch zu glauben. Sie mochte seinen Geruch, seine weichen Haare und besonders seine hellbraunen traurigen Augen. Als sie die Nächte verlassen und im Zimmer einer Freundin Zuflucht gefunden hatten, bemerkte sie eines Morgens die Sommersprossen auf seinen Wangen. Dann war er aus ihrem Leben verschwunden und ihr Herz zerbrach.