Vorgeschichte. Wer ist Joachim? (S. 185):

Im Alter von achtzehn Jahren hatte Issa den wütenden Mob aus einer vergangenen Zeit mit eigenen Augen gesehen. Er hatte einen Freund, Joachim, zum Bahnhof begleitet. Joachim war einige Jahre älter und ein hochdekorierter Sportler, der zahlreiche Meisterschaften auf der Tatami errungen hatte. Am Bahnhof waren sie auf jene Leute getroffen, die von diesen Verdiensten nichts gewusst und auch nicht geahnt hatten, dass Joachim an den Wochenenden ein in seiner sächsischen Heimat gefürchteter und in der Szene geachteter Hooligan mit dem Spitznamen «Schneeflocke» gewesen war.

In dem nachfolgenden Dialog, der nicht im Buch ist, erzählt Joachim a.k.a. «Schneeflocke» seinem Freund Issa von einem anderen Erlebnis in einer Straßenbahn … irgendwo in Sachsen in der Nachwendezeit an.

„Das war an einem Adventssonntag. Am ersten oder zweiten. Ich wollte meine Großtante besuchen … Tante Lenchen. Sie war eigentlich wie meine Oma. Na ja, jedenfalls kamen dann plötzlich diese Ärsche in die Straßenbahn … So richtige Prolo-Nazi-Wichser; aber schon harte Typen … Um die dreißig Jahre alt, billig tätowiert … Knast wahrscheinlich.“

„Scheiße Mann.“

„Ich saß ganz normal da, und der Typ mit den schmierigen blonden Haaren stellt sich vor mich hin … und hebt den rechten Arm. Heil Hitler, du Niggerschwein!, sagt dieser Arsch und setzt sich hin … Die anderen auch; grinsen blöde und starren mich an.“

„Also vier …?“

„Ja.“

„War sonst noch wer da?“

„Irgend so ne Rentnerin … weiter hinten; sonst niemand.“

„Das war dann ja ne grundsätzliche Frage … Scheiße Mann.“

„Stimmt. Aber das wussten die nicht. Außerdem hatte ich ja die Knarre einstecken.“

„Welche Knarre?“

„Die hatte ich so nem Skinhead abgenommen … n paar Tage vorher.“

„Echt?!“

„Das war dort noch richtiges Sachsen. Da liefen die Dinge damals anders. Und die Sachsen sind sowieso anders; noch nicht so schwul wie die Wessis. Aber ich bin auch Sachse … Afro-Sachse!“

„Wie? Und du hast denen ne Pistole abgenommen?“

„Ja. Aber der eine hat mir erst mal ein Loch in die Jacke geschossen.“

„Hör auf!“

„Doch. Das waren zwei Nazi-Skinheads. Und die hatten irgendwas von Kunta Kinte oder so geschwafelt. Diskutieren war damals nicht so. Dem einen hab ich den Ellenbogen auf’s Nasenbein geknallt; der brach zusammen … Ich meine, das tut ja auch weh. Aber der andere fummelte irgendwie an seiner Hose rum. Hatte ich so aus den Augenwinkeln gesehen und mich gefragt, was das soll. Als ich dann die Knarre gesehen hab, dachte ich nur, was für ne kranke Scheiße. Hab dem Arsch aber grade noch so den Arm zur Seite schlagen können. Dann hat’s schon geknallt.“

„Scheiße.“

„Meine Jacke war offen. Das muss von innen nach außen durchgegangen sein; Glück gehabt. Hab ich gar nicht so richtig mitgekriegt. Als ich an dem dran war, hab ich dem Wichser die Beine weggetreten und der ist mit seiner Scheiß-Birne voll auf die Straße geknallt; das konnte man richtig hören. Aber die Knarre hatte er immer noch in seinen Griffeln. Mir war‘s egal; ich bin dem voll mit den Knien auf die Brust gesprungen und hab den Arm festgehalten. Da konnt er nichts mehr machen … Hab dem richtig die Fresse eingeschlagen. Der andere hatte mit seiner Nase zu tun.“

„Verstehe, dass du dort weggezogen bist.“

„Klar. Irgendwann hast du kein Glück mehr … Egal; das war jedenfalls die Knarre, die ich dann immer einstecken hatte. War ne Walther.“

„Ne echte?“

„Das waren irgendwie gesetzlose Zeiten damals in Sachsen.“

„Und diese vier tätowierten Typen?“

„Die saßen um mich rum und grinsten mich an. Diese blöden Fressen sehe ich heute noch. Aber weißt du, die Walther hat unterm Schlagbolzen so nen metallenen Vorsprung; das kommt richtig spitz raus. Das hab ich dem mit dem Hitlergruß mit voller Wucht in sein linkes Ohr gerammt … so richtig mit Schwung rein. Damit hatte der Arsch nicht gerechnet. Geschrien hat der, das kannst du dir nicht vorstellen. Rechts der neben mir, der wollte aufstehen, den habe ich mit der Linken voll am Kinn erwischt. Mir kam das gar nicht so stark vor; aber der ist voll zusammengesackt; war K.O. Ich war dann auch im Berserkermodus. Einer ist in Richtung der Rentnerin abgehauen; den andern hab ich grade noch so am Fuß zu fassen gekriegt. Der ist hingeflogen, und ich hab ihm richtig in die Eier getreten.“

„Scheiße Mann.“

„Bin dann wieder zurück. Dem mit dem Hitlergruß ging’s wirklich schlecht. Dem floss so helles Blut aus dem Ohr und auch aus der Nase. Aber ich war stinksauer. Ich meine, Hitler ist mir scheißegal, aber … Niggerschwein?! Mehr geht ja wohl nicht. Hab den dann an seinen fettigen schmierigen Haaren durch die ganze Bahn gezerrt, mit der Walther noch weiter in die Fresse geschlagen und geschrien, dass ich ihn jetzt umbringe. Ich denke, der hat’s auch geglaubt. Und ich … ich war auch nah dran, Mann.“

„Also, die vier hast du fertiggemacht … allein?!“

„Eigentlich drei; der Vierte hatte ja keinen Bock. Hat nur nen verrückten Schwarzen im Kampfmodus gesehen. Ich bin dann auch abgehauen, als die Straßenbahn hielt. Die Rentnerin hatte wohl die Notbremse gedrückt.“

Verbotenes Land: Ein schwarzer deutscher Roman (Taschenbuch)


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